Das Hochparterre-Themenheft vom März 2021 „So wohnt die 10-Millionen-Schweiz“ hat mich an meine Anfänge in der Raumplanung in den 1960-er Jahren erinnert. Zwei Planungsziele waren damals Leitplanken für die Schweizer Raumplanung:
- als Ziel Z1: das Jahr 1985 mit einer Wohnbevölkerung von 8.5 Mio.
- als Ziel Z2: das Jahr 2000 mit einer Wohnbevölkerung von 10 Mio.
Francesco Kneschaurek, Professor an der Handelshochschule St. Gallen, hatte diese Zahlen in die Welt gesetzt; keine Prognosen, wie er später betonte, sondern mögliche Szenarien. Mit 35 Jahren Verspätung hat die Schweiz das Ziel Z1 erreicht, allerdings mit grundlegend anderen Randbedingungen, Verhältnissen und Herausforderungen als 1960, vor 60 Jahren, vorstellbar waren.
Das jetzt erneut im Raum stehende Ziel Z2, die 10-Millionen-Schweiz, ist nicht mehr das Szenario einer Hochschule, sondern die Hochrechnung des Bundesamtes für Statistik und soll im Jahre 2040 erreicht sein. Wird es die heute junge Generation tatsächlich erleben? Ein Rückblick mit ausgewählten Kennzahlen mag dazu Hinweise geben.
Im Jahre 1937, meinem Geburtsjahr, wohnten in der Schweiz 4.2 Millionen Personen, davon 320‘000 (7.6%) in der Stadt Zürich. Die mittlere Lebenserwartung lag bei 62(!) Jahren. 25 Jahre später, 1962, beim Abschluss meines Studiums als Architekt an der ETH Zürich, lebten in der Schweiz rund 5.5 Millionen Personen, davon 440‘000 (8%) in der Stadt Zürich. Das enorme Wachstum der Nachkriegsjahre (30% in der Schweiz, 37% in der Stadt Zürich) hatte die Wahrnehmung und Beurteilung der Zeit massgeblich geprägt. Kneschaureks Zahlen schienen plausibel, nicht nur möglich.
In der Stadt Zürich war das Jahr 1962 jedoch ein Wendepunkt: die Einwohnerzahl begann zu sinken, kontinuierlich, bis im Jahr 1989 mit einer Wohnbevölkerung von nur noch 356‘000 Personen der Tiefpunkt erreicht war. Das hatte niemand vorausgesehen. In 27 Jahren hatten 84‘000 Personen die Stadt Zürich, die Wirtschaftsmetropole der Schweiz, verlassen, so viele wie im Kanton Schaffhausen wohnen. Die zunehmende private Mobilität hatte diese Stadtflucht ermöglicht. Weil die Leute nun auf dem Land, im Grünen wohnten, nahm die Wohnbevölkerung in der Schweiz jedoch zu: 1985 wohnten rund 6.5 Millionen Personen in der Schweiz: nicht drei Millionen mehr, wie dem Ziel 1 entsprochen hätte, aber immerhin eine Million (15%) mehr als 25 Jahre vorher.
Ob Bevölkerungszunahme oder Bevölkerungsrückgang: in der Stadt Zürich wurde gebaut:
- 1937 lebten in Zürich 320‘000 Personen in 90‘000 Wohnungen; im Mittel ergab das 3.6 Personen pro Wohnung.
- 1962, auf dem bisherigen Höchststand der Einwohnerzahl, standen den 440‘000 Personen bereits 160‘000 Wohnungen zur Verfügung; die mittlere Wohnungsbelegung war auf 2.8 Personen pro Wohnung gesunken. Als Student lebte ich mit zwei Kollegen in einem zum Abbruch bestimmten älteren Wohnhaus in einer Vierzimmer-Wohnung mit 60 m² Wohnfläche, heizbar mit Kanonenöfen in einzelnen Zimmern, einem Kaltwasserhahn in der kleinen Küche als einzige sanitäre Einrichtung und einem WC im Treppenhaus: bescheiden, spartanisch, aber mit Fr. 90.- Mietzins pro Monat erschwinglich.
- Von 1962 bis 1989 wurden in der Stadt Zürich, trotz massivem Bevölkerungsrückgang, 18‘000 zusätzliche Wohnungen erstellt, sodass im Jahre 1989 den verbliebenen 356‘000 Personen insgesamt 178‘000 Wohnungen zur Verfügung standen. Die Wohnungsbelegung war auf zwei Personen pro Wohnung gesunken, Grosswohnungen inbegriffen.
- Seit 1989 nimmt die Wohnbevölkerung auch in der Stadt Zürich wieder zu: in den gut 30 Jahren bis Ende 2020 sind weitere 60‘000 Wohnungen gebaut worden und insgesamt stehen den 435‘000 Personen nun 238‘000 Wohnungen zur Verfügung. Die mittlere Belegung ist auf 1.8 Personen pro Wohnung gesunken, noch halb so viel wie 1937. Gleichzeitig sind die Wohnungen grösser, komfortabler und deutlich teurer geworden. Diese mittlerweile grosse Wohnfläche wird nicht nur unterhalten und gepflegt, sie wird, wenn es kalt ist, durchgehend beheizt, auch wenn ein beachtlicher Teil davon nicht wirklich genutzt wird.
Nicht nur in Zürich, in der ganzen Schweiz hat die Wohnfläche stärker zugenommen als die Wohnbevölkerung: 1970 standen für die damals 6.28 Mio. Personen rund zwei Millionen Wohnungen zur Verfügung, was eine mittlere Belegung von 3.14 Personen pro Wohnung ergab. Heute, 50 Jahre später, leben in der Schweiz 8.6 Millionen Menschen in 4.6 Millionen Wohnungen: die mittlere Belegung ist auf 1.9 Personen pro Wohnung gesunken, ist noch um 0.1 Person hö-her als in der Stadt Zürich.
Stark angestiegen ist die Lebenserwartung: Für heute geborene Schweizer Männer liegt sie zur-zeit bei 82 Jahren, für Schweizer Frauen bei 86 Jahren. Wer wie ich gut 83 Jahre alt ist, kann statistisch noch mit etwa sieben weiteren Jahren rechnen, also rund 90 Jahre alt werden: fast 30 (!) Jahre mehr als bei meiner Geburt im Jahre 1937. Als die AHV nach dem zweiten Weltkrieg eingerichtet wurde, lag die mittlere Lebenserwartung bei rund 65 Jahren. Dass die Finanzierung der AHV heute zum Problem wird, ist offensichtlich.
Massiv gesunken sind die Zinsen für Hypotheken auf Immobilien. Bis 1970 bewegten sich die Zinssätze für Festhypotheken im Bereich zwischen 4% und 5 %. Von 1970 bis 1990 waren grössere Schwankungen zu verzeichnen mit Werten bis auf 7.5 %. Seither sind sie kontinuierlich gesunken und heute sind Festhypotheken mit weniger als 1% Zinssatz üblich. Das billige Geld hat entscheidend dazu beigetragen, dass viel gebaut wurde.
Was sagen diese Zahlen? Materieller Wohlstand, erhöhte Komfortansprüche, längere Lebenserwartung und billiges Geld sind die massgeblichen Treiber für den Wohnungsbau in der Schweiz.
Zum Schluss ein Zahlenspiel: Für die 10 Millionen-Schweiz müsste keine einzige zusätzliche Wohnung gebaut werden, wenn wir bereit wären, das Angebot an Wohnfläche und Komfort im Stand von 1990 zu akzeptieren. Mit dem damaligen Wert von 2.2 Personen pro Wohnung könnten in den heute in der Schweiz bestehenden 4.58 Millionen Wohnungen gut zehn Millionen Menschen wohnen. Das würde auch dem Klima helfen. Nicht neu bauen, umbauen wäre nötig und dabei insbesondere bezahlbaren Wohnraum für Ältere schaffen, damit diese ihre zu grossen Wohnungen Jüngeren überlassen können.
Zürich, den 04.03.2021 / Wa