Des Todes virtuelle Sense

Parabel zur Corona Zeit

In einem gottverlassenen Provinzbahnhof, beim Warten auf den Zug, der schon eine halbe Ewigkeit Verspätung hatte, begegnete ein Reisender dem Tod, der ohne seine Sense unterwegs war. «Wo hast Du dein Werkzeug, Schnitter Tod», fragte er ihn, «hast Du dein Gewerbe aufgegeben, dich zur Ruhe gesetzt?» Der Tod hätte gerne gelächelt, aber das konnte er nicht, der Knochenmann ohne Muskeln, ohne Sehnen, ohne Haut. «Ich brauche keine Sense mehr», sagte er, «auch ich arbeite heute virtuell, schnell, rationell. Er zeigte auf ein kleines, schwarzes Ding, das ihm an einer goldenen Kette um den Hals hing, «Sense war gestern, heute arbeite ich mit Viren, mit virtuellen und mit realen. Ich muss auch nicht mehr reisen. Mit diesem kleinen Gerät erreiche ich jeden, wo immer er sich gerade aufhält. Die Menschen haben mir die Arbeit enorm erleichtert.» Dann wischte er mit dem Knochen seines Zeigefingers über das glatte, schwarze Glas und zeigte dem Reisenden das tausendfach vergrösserte Bild des Corona–Virus: «Damit bin ich zurzeit unterwegs, Covid 19 nennen sie es, sehr effizient!»

Der Reisende hatte vom Virus gehört, das auf der halben Welt den Menschen das Atmen schwer machte. «Warum gerade jetzt und warum gerade dieses Virus», fragte er. «Die Menschen leben heute viel zu lang», sagte der Tod, «viele halten das nicht aus, lassen sich von meiner Konkurrenz für teures Geld zu Tode bringen und stören so mein Geschäft. Das mag ich nicht, dass man mir so ins Handwerk pfuscht! Wer stirbt, bestimme ich, da gibt es keine Mitwirkung und keine Mitbestimmung! Das sollen sie wieder einmal erfahren, dafür dient das Virus, das insbesondere die Alten tödlich trifft!».

Da kam der Zug, hielt an, aber der Tod blieb, ganz in sein Gerät vertieft, in der Einöde sitzen.

29. März. 2020 / WA